Mein eigenes Coming Out
Lieber Blogleser,
Viele beschäftigen sich mit der Frage: „Soll ich mich outen?“
Aus diesem Grund möchte ich wie versprochen von meinem eigenen Coming Out und wie es dazu kam berichten.
Vielleicht hilft dieser Artikel dem Einen oder Anderen für sich eine passende Antwort auf die Frage zu finden!?
Um meine Ausgangssituation etwas besser verstehen zu können, hole ich einfach mal etwas weiter aus!
Mit 19 Jahren verließ ich das Gymnasium ohne mein Abitur gemacht zu haben.
Ich hatte in dieser Zeit zwar nicht viele aber dennoch einige Freundinnen. Doch hielten die Beziehungen nie länger als 6 Monate. Mir war damals schon bewusst, dass das männliche Geschlecht auf mich eine gewisse magische Anziehung ausübte. Hierbei überwiegte das Interesse an älteren Männern gegenüber dem an jüngeren oder gleichaltrigen. Die Zeit meines Zivildienstes begann und da ich nicht mehr Tag ein Tag aus mit meinen Freunden in der Schule und am Nachmittag zusammen abhing, setzte ich mich mehr und mehr mit meinen Gefühlen zu Männern auseinander.
Mein erstes sexuelles Erlebnis mit einem Mann hatte ich dann mit 20 Jahren an einem See, den ich schon in der Vergangenheit auch mit meinen Freunden besucht hatte, von dem ich aber auch wusste, dass sich an einer bestimmten Stelle schwule Männer aufhielten und dort FKK betrieben. Eigentlich wollte ich herausfinden ob ich nur Phantasien zu Männern hege oder ob ich wirklich körperliches Interesse habe. Ich ließ es darauf ankommen und so geschah es, dass ich Oralverkehr mit einem Mann hatte.
Von dort an bemühte ich auch das Internet und besuchte diverse Gaychaträume.
Mittlerweile befand ich mich auch schon in meiner Ausbildung. Ich wohnte zwar noch bei meinen Eltern, da wir aber in einem familiären Mehrparteienhaus lebten, hatte ich sozusagen meine eigene Wohnung. Ich nutzte meinen privaten Freiraum und traf mich auch mit der einen oder anderen Chatbekanntschaft und nutzte auch die Möglichkeit des Videochats.
So kam es, dass ich meinen jetzigen Freund ebenfalls im Chat kennengelernt habe. Erst sahen wir uns einmal im Monat dann aber häuften sich unsere Treffen.
Zu diesem Zeitpunkt wusste noch keiner von meiner Veranlagung. Die Beziehung zu meinem Freund wuchs so weit, dass ich sogar nach meiner Arbeit direkt zu ihm fuhr, die Nacht bei ihm verbrachte und morgens früh nach Hause fuhr um mich für die Arbeit fertig zu machen. Nach meiner Ausbildung fuhr ich dann für gut drei Monate nach Neuseeland und auch in dieser Zeit telefonierte ich regelmäßig mit meinen Freund. Nach meinem Auslandaufenthalt war ich zunächst Arbeitslos, fand aber schließlich doch eine Teilzeitstelle in den Niederlanden. Nach einiger Zeit, mein Freund besitzt ein Zweifamilienhaus, ergab es sich, dass aufgrund eines traurigen Umstandes eine Wohnung frei wurde, in die ich dann auch kurzer Hand einzog.
Für meine Eltern war mein Freund lediglich mein Vermieter!
Hier möchte ich einfügen, dass ich in Mönchengladbach direkt in der Innenstadt groß geworden bin und meine Wohnung in Wassenberg, eine eher sehr ländliche Gegend, ist.
Es kam wie es kommen musste und ich verlor meinen Job. Ich hatte wenig Kontakt zu meinen Eltern und auch wenig Kontakt zu meinen Freunden, die alle immer noch nicht wussten, dass ich eigentlich in einer glücklichen Beziehung steckte.
Es kam die Weihnachtszeit und meine Eltern wollten natürlich die Feiertage mit mir erleben. Das Jahr zu vor war das auch kein Problem doch war mein Wunsch Weihnachten dieses Jahr mit meinem Freund zu verbringen natürlich auch groß.
Zu dieser Zeit hatte ich bereits nahezu 2 Jahre eine geheime Beziehung geführt.
Der wenige Kontakt zu meiner Familie und zu meinen Freunden beruhte auch auf der Tatsache, dass ich keinen anlügen wollte bzw. nicht noch mehr Geschichten erfinden wollte. Also dann lieber weniger Kontakt!
Folgende Situation entstand bei meinen Eltern:
Sie hatten einen Sohn, der alleine auf dem Land wohnt, der keinen Job hat, sich nicht mitteilt und sogar rumdruckst wenn es um ein gemeinsames Weihnachtsfest geht.
Alles in Allem eine beängstigende Situation für Eltern!
Das war für mich der Zeitpunkt an dem mir wirklich bewusst wurde, dass wenn ich meinen Eltern nicht die Wahrheit sage, mich also Oute, ich Gefahr laufe meine Eltern, die immer gut für mich gesorgt habe, für immer zu verlieren.
Mir wurde bewusst, dass ich mich selber in meiner Situation nicht wirklich wohl fühlte und dass es meinen Eltern gegenüber alles andere als fair war.
So beschloss ich mich zu outen. Zwar hatte ich schon oft daran gedacht doch siegte jedes Mal die Angst vor der Reaktion. Jetzt ist es leicht zu sagen, dass ich mich dafür entschlossen habe. Um ehrlich zu sein bin ich froh darüber, dass ich eigentlich zu dieser Entscheidung irgendwie gedrängt wurde.
Doch wie sage ich es meinen Eltern?
Das war die Frage die mich darauf hin beschäftigte. Letzten Endes viel es mir aber doch recht leicht. Ich erinnerte mich daran, dass das Patenkind meiner Mutter ebenfalls schwul war. Ich lud mich also selber bei meinen Eltern zum Abendessen ein und erkundigte mich bei meiner Mutter nach dem Wohlbefinden ihres Patenkindes. Ich hatte es kaum ausgesprochen da frug mich meine Mutter: „Möchtest du uns irgendetwas sagen?“
Ich war so froh über diese Reaktion! Sie machte es mir leicht alles zu erzählen.
Ich muss sagen, dass die Gedanken über mein Coming Out viel schmerzhafter waren, als das eigentliche Coming Out. Sicherlich haben meine Eltern etwas geschluckt aber dennoch haben sie gut reagiert und mir das Gefühl gegeben, dass es OK ist wie es ist.
Die Frage meiner Mutter ob ich etwas sagen möchte hat mir eins sehr deutlich gemacht. Eltern spüren so etwas! Sie kennen in der Regel ihre Kinder sehr gut. Schließlich haben sie auch dich gewickelt und deine komplette Entwicklung miterlebt. Es ist schwierig seinen Eltern auf Dauer etwas glaubhaft vor zu machen.
Kurze Zeit darauf outete ich mich vor meinem Bruder und meinem Onkel zu denen ich eigentlich immer ein gutes Verhältnis hatte.
Hier kamen meine ersten negativen Erfahrungen! Nicht wegen der Tatsache, dass ich schwul bin sondern dass ich solange darüber geschwiegen habe.
Die positiven Reaktionen meiner Familie haben mir die Kraft gegeben mich auch ausgesuchten Freunden gegenüber zu outen.
Man muss es nicht jedem sagen, dass man schwul ist aber wenn man es einmal gemacht hat, fällt es beim nächsten Mal umso leichter. Jeder muss für sich entscheiden wem gegenüber er sich outen möchte. Ich kann aus meiner Erfahrung nur den Tipp geben, dass es einfacher ist in der Familie damit anzufangen.
Mittlerweile gehe ich mit meinen 32 Jahren recht offen damit um. Ich bin immer noch mit meinem Freund fest zusammen und Weihnachtsfeste werden zusammen mit der Familie gefeiert.
Aufgrund meiner positiven Erfahrungen könnte ich mir selber in den Hintern beißen. Denn ich hätte 2 Jahre eine bessere Beziehung zu meiner Familie und zu meinen Freunden haben können wenn ich mir in meiner Gedankenwelt weniger Sorgen gemacht hätte.
Heute oute ich mich zwar immer noch nicht jedem gegenüber. Das ist aber auch nicht notwendig. Allerdings oute ich mich generell vor jeder Person von der ich weiß, dass ich zukünftig viel Zeit mit ihr verbringen werde. So zum Beispiel bei meiner neuen Chefin und meinen Kollegen. Auch hier hatte ich keine negativen Erfahrungen jedoch muss auch das jeder mit sich selber ausmachen.
Und jeder der mich fragt bekommt natürlich eine offene, ehrliche Antwort!
Diese Erkenntnisse habe mir natürlich auch die Kraft gegeben eine Seite wie diese hier online zu stellen. Ich möchte jedem die Möglichkeit geben sich an diesem Thema zu beteiligen. Möchtest auch du deine Geschichte hier präsentieren so nutze einfach das Kontaktformular. So können wir dieses besprechen.
Ich hoffe, dass ich etwas Hilfestellung geben konnte und ich würde mich sehr freuen wenn ihr auch die Kommentarfunktion nutzt!!!
Ich wünsche eine schöne Zeit!